erschienen 2008
Die Einsätze der Nachtschlachtgruppen 1, 2 und 20 an der Westfront von September 1944 bis Mai 1945
ISBN: 978-3-938208-67-0
| Die deutsche Luftwaffe war zu Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 in Quantität und Qualität allen europäischen Luftstreitkräften überlegen, sie war die modernste Luftstreitmacht der Welt. Umso erstaunlicher ist es, dass im Herbst 1942 parallel zu modernsten Entwicklungen und Projekten wie Düsenjägern (Strahlflugzeuge), Hubschraubern und Raketen, einige fliegende Verbände als „neue Waffe“ mit veralteten Flugzeugen aus der zweiten Reihe ausgerüstet wurden und bis Kriegsende im Fronteinsatz zunächst gegen die Sowjetunion, später an allen Fronten standen. Während der Luftkrieg zumindest in der Planung modernisiert und hochtechnisiert wurde, kamen wie im Ersten Weltkrieg in den neu aufgestellten Störkampfgruppen, ab Oktober 1943 Nachtschlachtgruppen genannt, langsam fliegende Doppeldecker zum Einsatz, deren Besatzungen kleinkalibrige Bomben ungezielt über dem Gegner abwarfen. Aufgrund der großen Verwundbarkeit gegenüber der feindlichen Flugabwehr kamen diese Einheiten jedoch hauptsächlich nachts zum Einsatz. |
| Eine Kampfwertsteigerung der Nachtschlachtverbände durch Umrüstung auf das leistungsfähigere, inzwischen für einen modernen Luftkrieg jedoch ebenfalls veraltete zweisitzige Sturzkampfflugzeug Junkers Ju 87 „Stuka“ verlief zunächst stockend. Letztendlich führte die Überlegenheit der alliierten Luftstreitkräfte besonders nach der Invasion in Frankreich im Sommer 1944 dazu, dass die Nachtschlachteinheiten „modernisiert“ wurden. So kamen gegen den Westgegner die Nachtschlachtgruppen 1, 2 und 20 mit der Junkers Ju 87 „Stuka“ und der ursprünglich als einsitziges Jagdflugzeug konstruierten Focke-Wulf Fw 190 vorwiegend nachts zum Einsatz. Diese Nachtschlachtverbände gewannen ab Herbst 1944 an der Westfront zunehmend an Bedeutung, weil die deutsche Luftwaffe Kampfeinsätze ohne größere Verluste nur noch in den schützenden Nachtstunden fliegen konnte. Zudem waren sie auf diesem Kriegsschauplatz sowie an der Italienfront die einzigen fliegenden Nahkampfeinheiten zur Unterstützung der Heerestruppen. |
| Der Autor fragt in seiner Untersuchung, die er als Dissertation für die Universität der Bundeswehr München geschrieben hat, weshalb die deutsche Luftwaffenführung ab Herbst 1942 gezwungen war, Nachtschlachtverbände, bzw. ihre Vorgänger die Störkampfgruppen aufzustellen und auszubauen. Zunächst wird die Entstehung dieser Einheiten an der Ostfront von Oktober 1942 bis Ende 1943 und ihre Weiterentwicklung zu Nachtschlachtgruppen kritisch untersucht. Begutachtet werden die Einsätze, Verluste und Erfolge in den Jahren 1943 und 1944. Hinzu kommen die Bewaffnung der eingesetzten Flugzeuge, die verwendeten Bomben, die immer mangelhafter werdende Ausbildung der Flugzeugführer und ihre hohen Unfallraten. Schwerpunkt des Buches sind jedoch die Einsätze der Nachtschlachtgruppen 1, 2 und 20 an der Westfront im Zeitraum von September 1944 bis zum Kriegsende im Mai 1945. Der Autor beschreibt detailliert die Nachtfeindflüge über der Front im Raum Westdeutschland, hauptsächlich im Gebiet um Aachen und Köln sowie von Bitburg bis Kleve, aber auch im niederländischen Raum, in Belgien und Frankreich: vom Einsatzbefehl und Bombenzuladung bis zu den Starts, Landungen, Abstürzen, Erfolgen und Misserfolgen, den einzelnen Flugmanövern, der Gefährdung durch die alliierte Flugabwehr und Nachtjäger sowie die letzten Ruhestätten der gefallenen Besatzungen. |
| Gleichzeitig arbeitet der Verfasser die sog. Luftkriegspotentialfaktoren heraus, die dem Einsatz der Nachtschlachtverbände an der Westfront zugrunde lagen: Wie wirkte sich die Rüstungspolitik auf den Einsatz der Luftwaffe im Allgemeinen und auf den der Nachtschlachtverbände im Besonderen aus? Wie wirkte sich Hitlers Eingreifen in die Luftkriegsführung aus? Wie verhielt sich die Wechselbeziehung zwischen Personal, Ausrüstung und Ausbildung, Einsatzbereitschaft, Einsatz, Verluste, Treibstoffversorgung und Nachschub? Welche Rolle spielte generell der Faktor „Mensch“? Wie waren Führung und Einsatztaktik der Störkampf- und Nachtschlachtflieger im Allgemeinen und der Nachtschlachtgruppen 1, 2 und 20 an der Westfront im Besonderen? Wie wirkten sich die bisher gemachten Erfahrungen gegen den Westgegner in Italien und Frankreich auf den Einsatz der Nachtschlachtgruppen 1, 2 und 20 während verschiedener Angriffs- und Defensivphasen an der Westfront von Sommer 1944 bis Kriegsende aus? Untersucht werden insbesondere die Nachtschlachteinsätze gegen die alliierten Operationen Market und Garden im September 1944, die Unterstützung der gescheiterten deutschen Ardennenoffensive im Dezember 1944, die beinahe schon verzweifelten Bemühungen, die über den Rhein angreifenden Amerikaner, Kanadier und Engländer im Frühjahr 1945 aufzuhalten sowie die geplanten Selbstopfereinsätze gegen die Brücke von Remagen und die im Zuge des allgemeinen Unterganges geflogenen letzten Kriegseinsätze in Nord- und Süddeutschland im April/Mai 1945. |
| Zudem fragt der Autor in dem detailreichen Werk nach der Bedeutung von Unterfaktoren wie klimatischen Bedingungen, geographischen Gegebenheiten oder dem Faktor „Zufall“. Welche Modernisierungsmaßnahmen und Neuentwicklungen es gab, um durch technische Neuerungen dem Gegner überlegen zu sein oder gegebenenfalls eine Wende im Luftkrieg zugunsten der Deutschen herbeizuführen. So wird in einem eigenen Kapitel das von den Nachtschlachteinheiten teilweise genutzte moderne Funkführungsverfahren „EGON“ (Erstling-Gemse-Offensiv-Navigationsverfahren) in seiner Funktions- und Wirkungsweise ausführlich beschrieben. |
| Schließlich legt der Autor die Bedeutung des Einsatzes der Nachtschlachtverbände an der Westfront dar und erfasst die Erfolge der Nachtschlachtgruppen 1, 2 und 20 sowie die Beurteilung des Nachtschlachteinsatzes durch die deutsche und alliierte Führung. |
| Für seine detaillierte Untersuchung hat der Autor zahlreiche Privatsammlungen, Nachlässe sowie die einschlägigen Archive aus dem In- und Ausland genutzt, Interviews mit Zeitzeugen geführt und private Dokumente wie Flugbücher und Feldpostbriefe ausgewertet. Etwa 200 teilweise noch unveröffentlichte Fotos und Dokumente runden das Bild dieses über 350 Seiten umfassenden Buches ab. |